Unsere Geschichte

Der Verein „Hilfe für hörgeschädigte Menschen in Niedersachsen e.V.“ wurde 1901 auf Initiative des Vorsitzenden des evangelischen Taubstummenvereins „Hephata“, Herrn Oberlies, und des Direktors der „Provinzial-Taubstummenanstalt“, Herrn Zeller, als „Provinzial-Taubstummenverein für Hannover“ in Osnabrück gegründet. Der Vorstand bestand damals aus den sieben Lehrern der "Taubstummenanstalt Osnabrück", die sich neben ihrer Arbeit als Lehrer für den Verein ehrenamtlich engagierten. Unter ihnen war auch der Taubstummenlehrer Karl Luhmann. „Zweck des Vereins ist“, so stand es in der ersten Satzung, „die Unterstützung seiner ordentlichen Mitglieder durch Rat und Tat, insbesondere die Ansammlung eines Kapitals zur Unterstützung hilfsbedürftiger arbeitsunfähiger und altersschwacher Taubstummer beziehungsweise zur Erbauung eines Taubstummenheims“. So unterstützte der Verein zunächst die so genannte „Offene Fürsorge“. Offene Fürsorge wurde die ehrenamtliche Arbeit der Mitglieder von Taubstummenvereinen in der Provinz Hannover genannt. Das waren z.B. Gehörlosenpastoren, Gehörlosenlehrer oder auch erwachsene Kinder gehörloser Eltern, die Dolmetscherdienste für Gehörlose im Umgang mit Behörden, Gerichten, Ärzten usw. leisteten und auch persönliche Hilfe für Gehörlose leisteten. Der Verein unterstützte diese Arbeit wirtschaftlich und finanziell. Aus dieser offenen Fürsorge entstand in den 70er Jahren der Sozialdienst für hörgeschädigte Menschen. Heute ist er mit vier Standorten in Osnabrück, Oldenburg, Emden und Hannover sowie mobilen Beratungsstellen in Aurich, Hildesheim, Leer, Meppen, Nienburg, Wilhelmshaven und Wittmund der größte Anbieter von Beratungsarbeit für hörgeschädigte Menschen in Niedersachsen.

Ab 1911 kam neben der „Offenen Fürsorge“ ein weiterer Aufgabenbereich hinzu: die Karl-Luhmann-Heime. Die ersten drei Häuser (heute Haus 5, 6 und 7) wurden 1911 - 1912 auf dem 1,6 ha großen Grundstück in der Knollstrasse erbaut, dass der Verein 1911 von der „Königlichen Klosterkammer zu Hannover“ gekauft hatte. Im Juli 1912 zogen hier 15 „Pfleglinge“ und 10 „Haushaltsschülerinnen“ ein. Mit den Heimen war eine Haushaltsschule verbunden, um auch Mädchen die Möglichkeit einer Berufsausbildung zu geben. Der erste Direktor der Heime wurde Karl Luhmann.

Durch Pacht und Ankauf von weiteren Ländereien wurden weitere Beschäftigungsmöglichkeiten für die Bewohner geschaffen. Das blieb so bis in die 80er Jahre. Das Grundstück wuchs auf 5 ha.

Der große Garten bot Arbeitsmöglichkeiten und versorgte die Küche mit Obst und Gemüse. Durch die Haltung von Schafen, Schweinen, später auch Rindern, daneben Hühnern und Enten gab es weitere Arbeitsplätze. Vor allem dienten sie der Selbstversorgung der Einrichtung. Männer wurden zudem mit Korbflechten, Schneider- und Schusterarbeiten beschäftigt, Frauen mit Küchen- und Hausarbeiten.

Schwer war die Zeit nach dem ersten Weltkrieg, insbesondere die Inflationszeit. Der Osnabrücker Lehrergesangsverein, dessen Vorsitzender Luhmann war, veranstaltete Konzerte in den umliegenden Dörfern, vor allem um Lebensmittel zu bekommen. Das Heim war, Protokollzitat: „In Not“. Die Haushaltsschule überstand diese Zeiten nicht. Sie musste aus wirtschaftlichen Gründen 1923 wieder geschlossen werden.
1927 lebten bereits 57 Personen in den Häusern. 

1929 wurde Karl Luhmann pensioniert und widmete sich voll der Vereins- und Heimarbeit. 1938 wurde er zum Vorstandsvorsitzenden des Vereins ernannt.  1953 bekam Karl Luhmann für seine Verdienste um den Verein und die Heime das Bundesverdienstkreuz verliehen. Drei Jahre später starb Karl Luhmann im Alter von 87 Jahren. In Osnabrück ist eine Strasse in unmittelbarer Heimnähe nach ihm benannt, die „Luhmannstrasse“. Und schließlich tragen die Heime an der Knollstrasse und die Schule seinen Namen.

Bis 1938 konnten nur hörgeschädigte Menschen ordentliche Mitglieder werden. Hörende Personen wurden bis dahin als unterstützende Mitglieder geführt. Zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur durften dann keine Menschen mit Hörschädigung mehr als Mitglieder aufgenommen werden. Der Ausschluss aller hörgeschädigten Mitglieder aus dem Verein konnte zwar verhindert werden, aber alle hörgeschädigten Vorstandsmitglieder mussten ihr Amt aufgeben. Auch in dieser Zeit hat sich Luhmann um den Verein verdient gemacht. 

In den 50er Jahren ließ sich Luhmann von seinem Freund Wilhelm Schnegelsberg (Direktor der Niedersächsischen Landestaubstummenanstalt) dazu überreden, Kinder und Jugendliche aufzunehmen, die die Taubstummenanstalten und Gehörlosenschulen nicht aufnehmen wollten und auch nicht aufzunehmen brauchten, weil sie als bildungsunfähig galten. Es waren hörgeschädigte Kinder und Jugendliche, die neben der Hörschädigung noch weitere Behinderungen hatten, so genannte „zusätzlich Behinderte“. So wurde Anfang der 50er Jahre ein Kinderheim gebaut (heute Haus 2) das 1953 bezogen wurde und schon nach einigen Jahren erweitert werden musste. Der Verein stellte Lehrkräfte ein, die die Kinder und Jugendlichen unterrichteten. Die Unterrichtsgruppen waren zunächst im Kinderheim untergebracht. Durch Umstrukturierungen entstand 1972 dann das erste Schulgebäude. Die Karl-Luhmann-Schule ist heute eine anerkannte Förderschule in privater Trägerschaft mit den Förderschwerpunkten Hören ( seit 1967) und geistige Entwicklung (seit 2005). Sie beschult Kinder und Jugendliche, die in den Karl-Luhmann-Heimen leben oder täglich zum Schulbesuch anreisen. Sie ist die einzige Schule dieser Art in Niedersachsen.
1956 kaufte der Verein in Lechtingen eine Villa mit einigen Nebengebäuden und einem mehr als 1 ha großen Grundstück mit herrlichem Baumbestand. Die Villa wurde als weiteres Wohnheim der Karl-Luhmann-Heime eingerichtet. 1967 wurden weiterhin in Lechtingen ein Bauernhaus, Stallungen, eine Scheune und 18 ha Land gepachtet. So wurden die Aufnahmekapazitäten, bedingt durch den erhöhten Bedarf an Wohnheimplätzen, ausgeweitet. Die Villa in Lechtingen und das Heim Waldhof in Lechtingen mussten später wieder aufgrund der baulichen Gegebenheiten aufgegeben werden und die Bewohner zogen an die Knollstraße.

1970 wurde für die weiter wachsende Nachfrage ein größeres Kinderheim gebaut (heute Haus 1). 1985 wurde das heutige Haus 8 als ehemaliges Schwesternwohnheim des Niedersächsischen Landeskrankenhauses angemietet und in 2000 gekauft 1996 wurde ein Haus auf einem ehemaligen Kasernengelände am Hauswörmannsweg (heute Haus 9) erworben, da ein Wohnheim für die geplante Werkstatt für behinderte Menschen vorgehalten werden musste. 2001 entstanden in einem an das Heimgrundstück angrenzenden Einfamilienhaus, der Luhmannstrasse 14, zwei ausgelagerte Wohnheimplätze, die 2003 auf 5 Plätze ausgeweitet werden konnten. Der Veränderungs- und Umstrukturierungsprozess ist auch heute noch nicht abgeschlossen. So konnte z. B. im Juli 2004 das neu erbaute Haus 10 (Wohnheim an WfbM) mit 4 Wohngruppen, bezogen werden. Der komplette Umbau des Hauses 8 wurde im Sommer 2005 abgeschlossen. Zum jetzigen Zeitpunkt bieten die Karl-Luhmann-Heime ein sehr weitreichendes Wohnangebot.

In den Häusern wohnen hörgeschädigte Kinder, Jugendliche, Erwachsene und alte Menschen mit zusätzlichen Behinderungen. In 2008 kamen 2 Außenwohngruppen mit 5+8 Plätzen hinzu. In 2010 wird ein weiteres Außenwohnheim mit 24 Plätzen entstehen. Die Karl-Luhmann-Heime sind die einzige Einrichtung dieser Art in Niedersachsen.

1997 übernahm der Verein mit der Gründung einer gemeinnützigen GmbH einen weiteren Aufgabenschwerpunkt. Im Mai 2000 eröffnete die anerkannte Werkstatt für behinderte Menschen, hier Spezialwerkstatt für (zusätzlich behinderte) hörgeschädigte Menschen die Werkstatt für hörgeschädigte Menschen gGmbH“. Damit gibt es in Deutschland drei Spezialwerkstätten für hörgeschädigte Menschen. In 2004/2005 erfolgte eine Erweiterung. Die Werkstatt ist an mehreren Standorten im Stadtgebiet von Osnabrück mit einer Platzkapazität von 174 Plätzen tätig.

Von 1950 bis 1998 nannte sich der Verein „Niedersächsischer Taubstummen-Fürsorgeverein“. 1998 beschloss die Mitgliederversammlung die Umbenennung des Vereins in „Hilfe für Hörgeschädigte in Niedersachsen e. V“. Eine weitere Namensänderung wurde auf der Mitgliederversammlung am 25. März 2006 beschlossen.  Der Verein heißt jetzt: "Hilfe für hörgeschädigte Menschen in Niedersachsen e. V.". Der Verein ist nicht konfessionell gebunden. Er hat sich in den 20er Jahren und dann wieder nach dem 2. Weltkrieg dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband (DPWV) angeschlossen

Seit dem 01.07.2008 sind die Bereiche Karl-Luhmann-Heime, Karl-Luhmann-Schule und Werkstatt für hörgeschädigte Menschen in die Gemeinnützige GmbH für hörgeschädigte Menschen zusammengeführt worden.
Diese Veränderung hat der Vorstand im November 2007 beschlossen.
Dafür wurde die seit 1997 bestehende GmbH Werkstatt erweitert.
Der Verein ist der alleinige Gesellschafter.
Mit dieser strukturellen Änderung trennt der Verein die verbandliche Arbeit von der wirtschaftlichen Arbeit. Der Vorstand übernimmt als Gesellschafter die Funktion eines Aufsichtsrates und steuert die Arbeitsschwerpunkte und Zukunftsausrichtung.
Mit dem Zusammenschluss der Bereiche ist eine gemeinsame Ausrichtung der Arbeit und Schwerpunkte verbunden.

 

Seite drucken print